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Aus dem Leben eines Tagebuchs

Von Schranktüren, Güterwaggons und Katzenrädern

Liebes Buch,

letztens hat mich jemand beim Schneiden eines Apfels beobachtet und mich hinterher gefragt, warum ich beim Schneiden denn gezuckt hätte – was mir persönlich gar nicht aufgefallen war. Im Nachhinein denke ich, dass ich mir im Bruchteil einer Sekunde vorgestellt habe, wie ich mir mit dem Messer – es handelt sich dabei um ein originales, geschliffen scharfes Schweizer Sackmesser, also ist Vorsicht geboten – in den Finger schneide. Deshalb das Zucken. Macht ja schliesslich auch höllisch weh, wenn man sich den Finger absäbelt. Zucken ist da bestimmt eine ziemlich angemessene Reaktion. Anyways.

Das hat mich dazu gebracht, ein wenig über mich nachzudenken. Über mich und meine seltsamen kleinen Verhaltensweisen, die ich ab und zu an den Tag lege. Dinge, die mich in der Gesamtsumme von anderen Menschen unterscheiden und ein bisschen einzigartig machen. Jeder Mensch ist doch irgendwie auf seine Weise einzig- und vor allem eigenartig. Wäre ja todlangweilig, wenn wir alle gleich wären und die selben Dinge täten. Hier also eine kleine Liste meiner Eigenarten:

  • Ich habe kein Pokerface. Ich und straight face? Nee, kannste vergessen. Es fällt mir total schwer, jemanden so richtig deftig zu verarschen, weil man mir eigentlich immer ansieht, wenn ich nicht die Wahrheit sage. Dementsprechend bin ich auch echt schlecht im Lügen. Als ich noch klein war, haben meine Eltern immer gewusst, wenn ich sie anschwindeln wollte.
  • Wenn ich Bücher lese, Filme kucke oder Hörbücher höre, fühle ich immer sehr stark mit. Mein Bruder hat mich beispielsweise einmal gefragt, warum ich die Stirn runzelte, als ich grad am Lesen war. Und im Buch stand doch tatsächlich: „[…] und er runzelte irritiert die Stirn.“! Das passiert mir auch sehr oft mit dem „sich auf die Unterlippe beissen“ oder dem „tief durchatmen“. Ich kann mir nur vorstellen, wie bescheuert das aussehen muss, wenn ich im Zug ein spannendes Buch lesen…
  • Ich mag es nicht, wenn ich am Bahnsteig stehe und ein Zug schnell vorbeifährt. Irgendwie find ich das gruselig.
  • Bevor ich schlafen gehe, kucke ich immer, ob die Schranktüren in meinem Zimmer zu sind. Ich weiss aber, woher dieser Tick kommt. Buch, kennst du die Sendung X Factor – Das Unfassbare (Im Original: Beyond Belief: Fact or Fiction)? Genau. Jene, in der man eine unglaubliche Geschichte vorgesetzt bekommt und dann herausfinden soll, ob sie wahr ist oder erfunden. Als ich etwa zehn Jahre alt war, habe ich diese Sendung gekuckt. Die eine Geschichte handelte von einem kleinen Jungen, der nie in seinem Zimmer schlafen wollte, weil er davon überzeugt war, dass in seinem Schrank etwas Böses hauste. Eines Tages hatte der grosse Bruder des Jungen Freunde bei sich eingeladen. Sie lachten den kleinen Jungen aus, weil er Angst vor seinem Schrank hatte, und der grosse Bruder meinte, er würde beweisen, dass nichts Böses im Schrank sei. Er klettere hinein und schloss die Tür. Plötzlich fing er aber an zu schreien, der Schrank rüttelte. Die Freunde meinten aber, der grosse Bruder wolle sie nur erschrecken, und hielten deshalb die Tür zu. Als es dann wieder ruhig wurde, öffneten sie den Schrank. Der grosse Bruder war weg, nur seine Kleider lagen schön ordentlich gefaltet auf dem Boden… und er ward nie wieder gesehen. Schöne Geschichte, nicht? Und am Ende der Sendung meinte der Moderator, die Geschichte sei wahr! Ich meine, wie könnte man als Zehnjährige dadurch denn kein Trauma haben?! Schränke also immer schön zumachen, gell!
  • Ich rieche immer an Büchern, also an den Seiten. Nicht so Junkie-mässig, sondern mehr auf eine geniesserische Art und Weise. Warum? Buchseiten sind das Beste. Es gibt einfach nichts, was besser riecht, Punkt.
  • Ich zähle immer Treppenstufen und Güterwaggons. Natürlich nur bei langen Treppen. Güterwaggons aber grundsätzlich immer. Und ich nerve mich tödlich, wenn ich mich verzähle!
  • Ich stelle mir immer alles bildlich vor. Das ist eine sehr amüsante Eigenschaft. Letztens sind wir im Gespräch beispielsweise auf Frettchen-Shampoo gekommen – ich weiss wirklich nicht mehr, wie man auf ein solches Thema kommen kann, aber egal. Jedenfalls musste ich laut herauslachen, weil ich, soudainement, das Bild eines Frettchens in der Dusche mit Duschhaube auf dem Kopf vor Augen hatte. Oder ein Katzenrad, ein Liedtitel vom GlasBlasSingQuintett. „… Auf deinem kleinen Katzenrad, klingelingelingeling, damit hältst du uns ganz schön auf Trab… setzt doch dein kleines Helmchen auf, nicht dass die Polizei dich schnappt, sonst nehmen sie’s dir ab, dein Katzenrad. Katzenrad, Katzenrad, ja da fährt die Katz’ drauf ab!…dam dam dam…“ Stell Dir mal vor: eine Katze, die auf einem kleinen Rad durch die Wohnung düst und einen winzigen Helm aufhat! Haha. Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich Dir das schreiben.

So, das wäre mal ein Auszug aus meinem persönlichen Fundus an Eigenartigkeiten (Gibt es das Wort überhaupt?!). Liebes Buch, du weisst ja, einige Menschen sind manchmal etwas seltsam – ich gehöre definitiv zu diesen einigen Menschen. But, who cares?! You know, the world can be amazing when you’re slightly strange.

In diesem Sinne, bis zu den nächsten Eigenartigkeiten.

Der lesende Gefangene

Liebes Buch

In ein paar Tagen werde ich jemandem Nachhilfe in Deutsch geben. Aufsatz schreiben. Geschichte mit Höhepunkt, strukturiert nach Einleitung, Hauptteil, Schluss. Das kennen wir doch alle! Im Gegensatz zu vielen meiner Freunde habe ich dieses Thema aber immer geliebt, mein Paradefach sozusagen. Geschichten schreiben! Ich meine, es existiert doch kaum etwas schöneres!

Deshalb gebe ich gerne etwas von meiner Begeisterung an jemand anderen weiter. Damit ich aber nicht nur rede, sondern auch ein paar handfeste Beispiele mitbringen kann, habe ich also meine ganzen alten Schulunterlagen durchsucht. Theorieblätter habe ich zwar keine gefunden, dafür etwas anderes. Etwa in der neunten Klasse hatten wir über längere Zeit die Aufgabe, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Genau so, wie ich es vorher aufgezählt habe, mit allem Drum und Dran. Am Schluss hat jeder Schüler alle Geschichten erhalten. Da ich solche Texte liebe, habe ich sie natürlich allesamt aufbewahrt; unter anderem jenen namens Der lesende Gefangene, geschrieben von Marc. Er beginnt folgendermassen:

„Das Herz ist eines der wichtigsten Organe des menschlichen Körpers. In Ruhe beträgt das Herzminutenvolumen beim gesunden Erwachsenen etwa 4,9 Liter/Minute und schlägt sage und schreibe 3 Milliarden Mal im ganzen Leben. Bei einem Embryo beginnt die Bildung des Herzens bereits in der dritten Woche. Der Tagesbedarf an Energie des menschlichen Herzens beträgt ungefähr 100.000 Joule. Mit dieser Kraft könnte man einen Fussball ein paar Mal um die Erde schiessen. Vitali Kabujew, der Oberkommissar der Abteilung Korruption, wusste, dass all seine  für ihn lebenswichtigen und unentbehrlichen Körperfunktionen in den Händen des am Schreibtisch sitzenden russischen Mafia-Bosses Borislav Swjatoslawowitsch waren.“, Marc M., Der lesende Gefangene

Warum mir diese Passage so gut gefällt, weiss ich nicht. Die Geschichte an sich sagt mir nämlich nicht wirklich zu. Aber diese paar Sätze… Nun ja, Du merkst, liebes Buch, selbst mir fällt es manchmal schwer, Dinge in Worte zu fassen, sie konkret beim Namen zu nennen. Manche Ding sind einfach. Etwas gefällt mir und es ist schwierig, zu erklären, warum dem so ist. Es gibt Sätze oder Abschnitte aus Texten, die einfach schön sind. Nicht, weil sie der Feder eines renomierten Autors entsprungen sind oder in Büchern der oberen Hälfte von Bestseller-Listen stehen. Einfach, weil sie in mir ein gutes Gefühl auslösen. Weil ich beim Lesen kurz innnehalte, lächle und das Geschrieben ein zweites Mal lese. Weil ich mir die Passagen rausschreibe und an die Wand pinne, damit ich sie immer wieder lesen kann. Und, jedes Mal, wenn ich sie mir wieder durch den Kopf gehen lasse, lächle ich. Jedes Mal.

Liebes Buch, ich möchte Dir diese Textfragmente gerne zeigen. Bewusst verzichte ich darauf, Dir zu erklären versuchen, warum sich diese oder jene Passage in meiner, naja, Favoriten-Liste befindet, gründet diese doch auf meinem ganz eigenen Gefühl und unterliegt nur meiner persönlichen Wertung.

  • Irgendwo fern am Himmel vor dem Fenster zog etwas kleines Schwarzes vorüber. Vielleicht ein Vogel. Oder jemandes Seele, die ans Ende der Welt geweht wurde. | Haruki Murakami, 1Q84 (btb Verlag)
  • Die Folge davon war, dass im Hause Baldini ein unbeschreibliches Chaos an Düften herrschte. So erlesen die Qualität der Produkte auch war, so unerträglich war ihr Zusammenklang, gleich einem tausendköpfigen Orchester, in welchem jeder Musiker eine andre Melodie fortissimo spielte. | Patrick Süskind, Das Parfum (Diogenes Verlag)
  • Und draussen, zwischen der Insel und dem schottischen Festland, dessen Küste niemand erkennen konnte, schäumte das Meer vor Wut, und es war durchaus eine Art Wut. | Linus Reichlin, Das Kreischen der Tölpel (Reportagen, Ausgabe #4 April/Mai 2012)
  • Der Raum, für den diese Musik nicht gedacht war, wurde zu einem Raum, in dem diese Musik entstand und entschwand, erwachte und entschlummerte, geboren wurde, starb. | Alain Claude Sulzer, Aus den Fugen (Galiani Berlin)
  • „Mir gefällt dein Schwanz“, hatte seine ältere Freundin gesagt. „Seine Form, seine Farbe und auch die Grösse.“
    „Mir gefällt er nicht besonders.“, sagte Tengo.
    „Warum nicht?“, fragte sie, während sie seinen nicht erigierten Penis wie ein schlafendes Haustier auf der Hand wiegte.
    „Ich weiss nicht“, sagte Tengo. »Vielleicht, weil ich ihn mir nicht selber ausgesucht habe.“
    „Du bist ein merkwürdiger Mensch“, sagte sie. „Mit merkwürdigen Gedanken.“ | Haruki Murakami, 1Q84 (btb Verlag)
  • Dann pflegte er mir das Glas Kognak dermassen höflich zu reichen, dass ich mir schon einbildete, ich sei ein russischer Herzog und nicht nur ein Plongeur. So behandelte er uns alle. Das war die ausgleichende Gereichtigkeit für unsere siebzehn Stunden Arbeit pro Tag. | George Orwell, Bistro Infernal (Paris, 1933 | gelesen in Reportagen, Ausgabe #2 Dezember 2011)
  • Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus. | Joseph von Eichendorff, Mondnacht
  • „Ist es nicht seltsam, wie viel dicker ein Buch wird, wenn man es mehrmals liest?“, hatte Mo gefragt, als sie sich an Meggies letztem Geburtstag noch einmal jedes ihrer altvertrauten Bücher angesehen hatten. „Als würde jedes Mal etwas zwischen den Seiten kleben bleiben. Gefühle, Gedanken, Geräusche, Gerüche… Und wenn du dann nach vielen Jahren wieder in dem Buch blätterst, entdeckst du dich selbst darin, etwas jünger, etwas anders, als hätte das Buch dich aufbewahrt, wie eine gepresste Blüte, fremd und vertraut zugleich.“ | Cornelia Funke, Tintenherz (Cecilie Dressler Verlag)

In diesem Sinne… naja, manchmal ist es schweirig, etwas in Worte zu fassen.

Die Bilder in meinem Kopf

Liebes Buch

Wie Du vielleicht weisst, verfasse ich, neben meinen Einträgen an Dich, ab und zu auch mal eine Kurzgeschichte. Ich schreibe sie selten, weil ich fast nie mit ihnen zufrieden bin. Sie erscheinen nie so, wie ich es gerne hätte. Und wenn ich es denn aber doch mal hinbekomme, kriege ich mich vor lauter Stolz auf mich selber während zwei Tagen kaum mehr ein.

Was ich will, sind kleine Texte, inspiriert durch warm-goldene Sonnenstrahlen, die durch Gardinen fallen und helle Flecken an eine beige Tapete werfen, oder durch filigrane Glasphiolen, die zerbrechen, und Splitter, kleinen Diamanten gleich, die sich über marmorweisse Kacheln verteilen. Geschichten, die von Dieben handeln, die lautlos aus den Schatten treten, nur um dann geschmeidig wie schwarze Katzen wieder mit der Dunkelheit zu verschmelzen; von Schutzengeln, die durch Gewitterwolken fliegen und dabei fast abstürzen, weil sie sich die Flügel schmutzig machen; von gezogenen Schwertern, deren Schneiden in der Mittagssonne glühen, als hätte sie jemand in Flammen gesetzt, als bestünden die Klingen aus purem Feuer. Ich rede von Geschichten, die binnen Sekunden in meinem Kopf entstehen. Ich muss sie nicht erst erschaffen. Sie sind einfach da. Vollständig und komplett, in den kräftigsten Farben, bis ins kleinste Detail ausgemalt. Sie erfinden sich immer wieder neu und spinnen sich selber weiter – ohne mein Zutun.

Eine Freundin hat mir mal gesagt, wenn man schlechte Laune hat, soll man an ein Regenbogen kotzendes Einhorn denken. Etwa so stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man mir ein Loch in den Kopf bohrte. Ströme von leuchtenden, grellbunten Bildern, die sich daraus ergiessen, und kleine funkelnde Vögel und Schmetterlinge, die in den Himmel davon flattern.

Mein grosses Problem ist, dass ich meine Gedanken und Vorstellungen nicht so zu Papier bringe, wie ich sie sich in meinem Kopf darstellen. Texte, die vor Leben eigentlich nur so strotzen sollten; wenn man sie liest, hinterlassen sie aber einen faden, klebrigen Geschmack auf der Zunge. Liebes Buch, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie deprimierend das ist. Als ob man sich in Gedanken eine wunderbar köstliche Mahlzeit ausmalt, schlussendlich aber nur eine lauwarme Suppe erhält. Wenn es schlecht läuft, ist die Suppe versalzen; wenn es ganz schlecht läuft, schüttet einem der Kellner die Hälfte davon über die Hose (in diesem Fall ist sie dann aber natürlich brühheiss!).

Wenn ich all meine Ideen und Gedanken zu Papier brächte, hätte ich in kürzester Zeit mehr als nur einen dicken Wälzer voll. Es gibt schliesslich so viel Inspiration in dieser Welt! Wo immer ich mich auch grad aufhalte, irgendetwas bleibt immer hängen. Es gibt so viel, das in meinem Kopf herumschwirrt. Kleine Fragmente, die ich aufschnappe. Farben, Gerüche, Geschmäcker, Gefühle… einfach alles!

Ich muss ehrlich sagen, ich könnte Stunden damit zubringen, mich mit geschlossenen Augen irgendwo hinzusetzen und den Bildern in meinem Kopf zu folgen. Das mag sich jetzt etwas schizophren anhören, aber es stimmt wirklich. Man kann sich das vorstellen wie ein etwas in die Jahre gekommenes Open world-Computerspiel, bei dem die Map immer nur bis zu einem gewissen Punkt geladen wird und wenn man weiterläuft, schiessen in der Ferne plötzlich Bäume und Hügel aus dem Boden. Es handelt sich dabei um Welten, die sich mit jeder Empfindung und jedem Gefühl etwas mehr definieren.

Und dafür benötige ich nur die geringste Inspiration. Ehrlich, ich brauche nur ein bisschen kühlen Winterwind um die Nase, schon sehe ich einen tobenden Schneesturm, womöglich noch einen Yeti, der irgendwo darin herumtorkelt. Oder noch besser, wenn ich Klänge von heroischen Musikstücken aufschnappe (vielleicht Victory of Life von Future World Music oder Heart of Courage von Two Steps from Hell), entstehen augenblicklich Bilder von kämpfenden Heerscharen und grossen, eindrucksvollen Hörnern, die einen nahenden Krieg ankünden.

Wie soll man das nur beschreiben?! Hast Du schon mal Tinte auf Wasser getropft? Sobald das Blau die Oberfläche berührt, zerläuft die Farbe und ohne Anleitung entstehen die wunderlichsten Strukturen. Die Inspiration ist meine Tinte für die Gewässer in meinem Kopf. (Haha, ein Satz wie von Meister Kitsch persönlich – idealerweise in rosafarbenem Tütü!)

Nun, liebes Buch, wie du vielleicht weisst, ist es beim Schreiben von belletristischen Texten wichtig, Gefühle zu transportieren und Atmosphären zu erschaffen. Für mich persönlich gestaltet es sich teils unglaublich schwierig, meine Vorstellungen so präzise in Worte zu fassen, damit ein Leser genau jene Empfindung wahrnimmt, die ich ihm oder ihr mit meinem Text vermitteln will.

Meine Geschichten sind nie so farbig, wie ich sie mir ausmale. Und das, liebes Buch, ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich so selten an sie heran wage.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal, wenn Tinte auf Wasser trifft.

Im Zug

Liebes Buch

Seit knapp zwei Monaten pendle ich täglich. Das habe ich zuvor zwar auch gemacht. Doch da musste ich immer zur selben Zeit aufstehen, war dementsprechend also auch immer auf dem selben Zug. Neuerdings bin ich aber immer zu unterschiedlichen Zeiten unterwegs, folglich also auch mit unterschiedlichen Zügen. Das bescherrt mir die herrliche Möglichkeit, die Pendel-Bedingungen zu verschiedenen Tageszeit zu analysieren.

Du kannst Dir beispielsweise gar nicht vorstellen, wie sehr sich der 6:15-Zug vom 7:00er unterscheidet. Abgesehen von der Tatsache, dass man weder im einen noch im anderen einen Sitzplatz findet, haben die nämlich so gar keine Gemeinsamkeiten. Beginnen wir mit der früheren Variante:

Um 6:15 haben die Menschen erfahrungsgemäss noch nicht das dringende Bedürfnis, sich auszutauschen. Deshalb herrscht um diese Zeit absolute Ruhe. Die einzigen Geräusche sind das stete Rattern des Zuges und das Rascheln der Gratiszeitungen – Zeitungen hat es ebenfalls noch zur Genüge!

Beschreiben wir ein wenig die Pendler. Die sehen alle etwa gleich aus. Männer in schlicht-eleganten Anzügen und Frauen in klassisch-stilvollen Kostümen. Menschen, die sich alle so benehmen, als hätten sie später auf der Arbeit alle unglaublich wichtige Dinge zu erledigen. Auch wenn sie dann nur Papierkügelchen in den Mülleimer werfen. Das tut jetzt ja nichts zur Sache.

Ich persönlich liebe solche Pendelbedingungen. Man hat zwar nur selten einen Sitzplatz, jedoch entschädigt einen die Ruhe komplett. Ein wenig den Kopf zurücklehnen und noch eine halbe Stunde dösen, ehe man dann total entspannt aus dem Zug in den Tag hinaus steigt.

Ganz anders geht’s da um 7.00 Uhr zu. Wie gesagt, auch dann hat man keinen Platz. Damit könnte ich ja noch leben. Jedoch werden die schweigsamen Geschäftsleute durch lärmende Teenies ersetzt. Lärmende. Teenies. Am. Morgen. Ich mag lärmende Teenies schon grundsätzlich nicht. Um 7.00 Uhr morgen gehen sie mir dann aber ganz besonders auf die Nerven!

Wenn sie ja nur einfach laut wären, ginge das noch. Aber nein. Wenn ich einsteige, klauben sie mir beispielsweise die letzte Gratiszeitung unter der Nase weg und, anstatt sie zu lesen, verkloppen sie sich gegenseitig damit! Damit aber nicht genug. Sie finden es ganz lustig, sich gegenseitig von den Sitzen zu schubsen oder sich die Schultaschen zu klauen und diese irgendwo unter die Sitze zu schieben. Meine Güte, wie sehr ich mich doch immer über solche und ähnliche Aktionen freue. (Sarakasmus Ende.)

Warum können die morgens nicht einfach die Klappe halten und auf ihren vier Buchstaben sitzen beiben? Das ist doch echt nicht zu viel verlangt. Wenigsten entschuldigen sie sich, wenn sie mit ihrer Zeitung mal zufällig mich treffen.

Ach, liebes Buch, es wäre doch schön, müsste ich immer nur auf den 6:15-Zug. Da sind die Bedingungen nämlich konstant gleich angenehm – unahängig von Wetter oder Jahreszeiten. Auf tropfende Schirme und eiskalte Schneebälle um 7.00 Uhr würde ich tatsächlich gerne verzichten…

In diesem Sinne, bis um 6:15…

Grosser Bruder

Liebes Buch

Um das vorneweg zu nehmen: nein, es handelt sich hierbei nicht um eine Abhandlung von George Orwells „1984“.  Solltest Du genau das erwartet haben, rate ich Dir, in die nächste Buchhandlung zu spazieren und eine entsprechende Erläuterung zu kaufen. Da wirst Du dann bestimmt fündig werden.

Anyways. Um Bücher-Tipps soll es heute nicht gehen. Nein, heute, am 22. Oktober, steht etwas anderes im Rampenlicht. Nämlich mein Bruder – mein grosser Bruder, wohlgemerkt. Heute ist nämlich sein Geburstag. Diesen Anlass nehme ich zum Anlass (Uuuh, Wortwiederholung!), um Dir ein wenig von ihm zu berichten.

Buch, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie cool es ist, einen Bruder wie meinen zu haben. Total cool, kann ich da nur sagen! Warum, fragst Du? Das werde ich Dir gerne erklären!

Zum Beispiel wollte ich am Wochenende einmal wieder ein wenig Far Cry 3 zocken. Da ich selber keine PS3 besitze, muss ich immer meinen Bruder fragen, ob ich seine ausleihen kann. Gesagt, getan. Kleine Schwester geht ganz höflich fragen, ob sie vielleicht die PS3 nehmen darf, damit sie ein wenig zocken kann. Und, was kommt als Antwort? „Ja, klar. Du kannst ja auch gleich bei mir zocken!“ Yeah, awesome!! Denn Bei mir bedeutet so viel wie: auf grosser Leinwand und mit 5.1 surround sound! Ich meine, wie geil ist das denn?! Zocken wie im Kino!

Dann folgende Situation: Ich habe mir vor ein paar Monaten Adobe CS6 auf meinen Laptop geladen. Früher habe ich immer mit Gimp gearbeitet – ein Wechsel zu Photoshop bedeutete für mich eine rechte Umstellung. Von meinem Bruder habe ich dann entsprechende Tutorial-Discs ausleihen können. Unglücklicherweise hab ich sie mir bis heute noch nicht zu Gemüte geführt. Wenn ich jetzt also ab und zu mit Photoshop arbeite und irgend eine kleine, dämliche Frage habe, rufe ich nach meinem Bruder. Der legt seinerseits dann irgendwie eine unglaubliche Geduld an den Tag und erklärt mir jedes Mal aufs Neue, wie ich dieses und jenes zu bearbeiten habe. Wäre ich an seiner Stelle, hätte ich mir schon längst die Tastatur über den Schädel gezogen! Echt jetzt!

Auf meinen Bruder ist aber irgendwie sowieso immer Verlass. Wenn es mal darum geht, spät abends irgendwo abgeholt zu werden, dann holt er mich ab – bisher hat er mich zumindest noch nie stehen lassen. Oder wenn ich mal den Schlüssel vergessen hab und deshalb im Wagen in der Garage übernachte, lässt er mich früh morgens rein – wobei ich dann als Begrüssung ein „Du Vollidiot!“ zu hören bekomm‘. Haha! Wie dämlich!

Wenn es um früh morgens und spät abends geht, dann bin ich sowieso froh, jemanden zu kennen, der einen genau so verschrobenen Zeitplan hat wie ich. Mit wem könnte man denn sonst nachst um 2 Uhr Nudelauflauf kochen und sich dazu das TV-Programm vorlesen?

Diese Dinge sind eigentlich gar nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass ich es ihm als kleine Schwester nicht immer einfacht gemacht habe. Zum Beispiel habe ich ihm einmal seine ganze Schokolade weggegessen. Ratzeputz, alles weg! Das hält er mir heute noch vor! Üble Sache das, ganz übel!

Zudem schenke ich ihm zu Geburtstag und Weihnachten immer total sinnloses Zeugs. Namentlich sind das zum Beispiel eine Lampe, die man bemalen kann, oder ein Flachmann mit eingraviertem Namen – sieht zwar schick und edel aus, ist aber eigentlich wirklich unnütz. Dafür habe ich mir dieses Mal richtig Mühe gegeben und habe mir ein intelligenteres Präsent ausgesucht – zumindest habe ich mir tatsächlich was überlegt dabei! Irgendwann muss ich mich ja ein wenig revanchieren, nicht? Dafür bedanken, dass ich einen so genialen grossen Bruder hab!

Deshalb wünsch ich ihm an dieser Stelle von Herzen alles Gute zum Geburtstag, viel Glück, Erfolg, Gesundheit, Individualismus, Kreativität und alles, was man sich so wünscht, wenn man mal wieder ein Jahr älter geworden ist!

In diesem Sinne, happy birthday!

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