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Aus dem Leben eines Tagebuchs

Geschichten ohne Anfang und Ende

Liebes Buch,

ich habe dir bereits erzählt, dass ich – neben meinen Texten an Dich – ab und zu Geschichten schreibe. Du weißt ebenfalls, dass ich diese Geschichten leider nur äußerst selten zu Ende bringe. Dies liegt hauptsächlich daran, dass die meisten Texte lediglich Fragmente weitreichender Handlungen darstellen. Die kompletten Handlungen existieren zwar in meiner Vorstellungen, werden in dieser Form aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nie zu Papier gebracht werden.

Da mir diese Textfragmente jedoch jedes Mal aufs Neue wieder gefallen, möchte ich sie dir heute zeigen.  So werden sie wenigstens einmal noch von jemand anderem gelesen. Eine Geschichte lebt schließlich nicht nur von den Gedanken des Autors, sondern ebenso von der Vorstellung des Lesers…

Beginnen möchte ich mit einem Text namens „Blutlinie“. Abgesehen von Charakter- und Ortsbeschreibungen sowie etlichen Karten- und Plotentwürfen besteht kaum geschriebene Handlung. Diese ist angesiedelt in einer mittelalterlich anmutenden Umgebung, eventuell vereinzelt gespickt mit Elementen aus der Sagen- und Fabelwelt.

[…] Mit einer raschen Bewegung zog Daire sein Schwert. Es handelte sich um keine schlechte Waffe – im Gegenteil. Der Knauf aus dunklem Holz war glatt geschliffen, die Klinge wies nur wenige Kratzer auf. Liam nickte anerkennend. Er war ehrlich überrascht, denn eine so gute Schmiedearbeit hatte er seinem Gegner nicht zugetraut.

„Da staunst du, was?“, rief Daire feixend. Sein triumphierendes Grinsen verschwand jedoch schlagartig, als Liam seinerseits die Waffe zog. Ein Raunen ging durch die Menge. Das blanke Eisen schien in der Mittagssonne zu glühen, als hätte es jemand in Flammen gesetzt – als bestünde die Klinge aus purem Feuer.

Liam warf Daire einen prüfenden Blick zu. Der Bullige schien nicht mehr ganz so siegessicher. Aufgeben war aber offensichtlich ein Wort, das er nicht kannte.  „Waffe hin oder her. Ob du damit auch umgehen kannst, ist eine andere Frage!“ zischte er und straffte seine Schultern.

Langsam wich Liam zurück und umfasste den Knauf seiner Waffe fester, ehe er seinen Gegner mit aufmerksamem Blick zu umkreisen begann. Daire stand breitbeinig in der Mitte und verfolgte seinen Gegenüber argwöhnisch. Die Nasenflügel waren gebläht, als könne er riechen, welchen Weg Liam einschlug. „Komm schon!“, stachelte er ihn an. „Versuch es!“

Liam biss sich auf die Unterlippe. Er durfte sich von Daire nicht provozieren lassen. Das war jedoch einfacher gesagt als getan. Daires Rufe, gepaart mit dem Gegröle der Zuschauer, machten die notwendige Konzentration gänzlich unmöglich. […]

Als die Klingen aufeinander trafen, stoben Funken. Daire war zwar nicht sonderlich flink, aber die schiere Wucht, mit der er auf seinen Gegner eindrosch, machte seine Plumpheit wieder wett. Liam hatte Mühe, den Schlägen stand zu halten. Die Muskeln in seinen Armen protestierten schmerzvoll, als er einen weiteren Angriff von Daire abwehren musste. Schnell wich er einen Schritt zurück, Daire folgte ihm gleichermaßen. Ich muss meine Taktik ändern, schoss es Liam durch den Kopf, als er bemerkte, dass Daire ihn zusehends gegen die Mauer drängte. So weit durfte er es gar nicht erst kommen lassen, sonst war der Kampf verloren, noch ehe er sich richtig zur Wehr gesetzt hatte.

Mit einem Hechtsprung setzte Liam unter Daires ausgestrecktem Arm hindurch, rollte sich über die Schulter ab und griff seinen Gegner von hinten an. Daire, der nur langsam reagierte, schaffte es im letzten Moment, den Angriff zu parieren. […]

Liam hatte das Gefühl, die Erde müsse erbeben, als Daire der Länge nach in den Staub fiel. Auf dem Platz herrschte augenblicklich Totenstille, als hätte etwas alle Geräusche verschluckt. Dann kam langsam leises, ungläubiges Gemurmel auf. Alles starrten sie Liam an, der nun schwer atmend über Daire stand, die Schwertklinge an dessen Hals. […]

Der zweite Text, er heißt „Die Arche“ – hierbei handelt es sich jedoch einzig um einen Arbeitstitel -, spielt in einer (möglicherweise post-apokalyptischen) Steampunk ähnlichen (Parallel-)Welt.

[…] „Viggo…“, sagte Elenor vorsichtig und wich etwas zurück. „Ich… ich musste es tun. Mir blieb keine andere Wahl.“

Ruckartig hob der Mann den Kopf. In seinen Augen flackerte es bedrohlich. „Keine andere Wahl?“, wiederholte er scharf, die Stimme bebend vor unterdrücktem Zorn. „Keine andere Wahl, El?!“ Der Schmerz raubte ihm den Atem, rann bitter durch jede einzelne Faser seines Körpers und machte einer unbändigen Wut Platz. […]

Unvermittelt trat Viggo auf die Frau zu und seine Finger schlossen sich grob um ihr Handgelenk. Elenor wandte gequält ihr Gesicht ab, als er sie um die Wiege herum ins Licht zerrte. Er drehte die Innenseite ihres Handgelenkes nach oben. Die Haut über der Pulsader schimmerte golden. Viggo drückte mit dem Daumen leicht dagegen und spürte, wie sich unter dem Fleisch die kleine bekannte Metallplatte bewegte. Angewidert ließ er ihre Hand los und sah die Frau mit einer Mischung aus Unglaube, Wut und Enttäuschung an. 

„Sie haben dich also wieder.“, stellte er verächtlich fest.  Mit einem Ruck zog er seinen linken Ärmel bis zum Ellenbogen hoch. „Erinnerst du dich? Weißt du noch, wie es sich anfühlt, frei zu sein?“ Er trat nahe an Elenor heran und hielt ihr sein Handgelenk vors Gesicht. Über die Innenseite, parallel zur Pulsader, zog sich eine breite, wulstige Linie. Das Narbengewebe hob sich hell von der wettergegerbten Haut ab. […]

„Wie konntest du nur?“ Fassungslos sah er sie an. „Ich habe tagelang nach dir gesucht, bin Nacht für Nacht in die Arche eingedrungen, nur um vielleicht noch einen letzten Blick auf deinen Leichnam werfen zu können.“ Wie zur Bestätigung riss Viggo sich mit einer schnellen Handbewegung die Kapuze seines Umhangs vom Kopf. Elenor zuckte verschreckt zurück, als der Schein der Lampe sein Gesicht traf. Quer über seine linke Wange zogen sich tiefer Kratzer, die sich gegen sein Ohr hin verästelten und im Nacken unter dem schwarzen Haar verschwanden. „Was glaubst du, wie oft ich fast gestorben wäre? Ich hätte mein Leben gegeben, El…“. Seine Stimme versagte. […]

Beim letzen Text, den ich Dir zeigen möchte, handelt es sich um die Einleitung zur (Kurz-)Geschichte „Schutzengel“. Im Gegensatz zu den anderen beiden Texten, ist dieser in einem eher heiteren Szenario angesiedelt.

[…]  Missmutig strich sich Gaspard eine geschwärzte Locke aus dem Gesicht. Ein dünner, gräulicher Film zog sich über seinen Finger. Der Rest der Regenwolke, durch die er eben geflogen war – schon wieder.

„Ach Kacke!“ Laut fluchend wischte er mit seinem Daumen über das ehemals weiße Gewand. Auch über den hellen Stoff zogen sich graue Schlieren, als hätte jemand Öl darüber geschüttet. Schon das dritte mal in einer Woche. „Ich hasse Regenwolken.“

Was hatte man ihm während der Ausbildung gesagt? „Fliegen Sie nie durch Regen- oder, noch schlimmer, Gewitterwolken. Letzteres kann Ihnen die Flügel verkleben und Sie stürzen unter Umständen in die Tiefe.“ Dabei hatte der Ausbilder hämisch gegrinst und hinzugefügt: „Und von hier oben fallen sie wirklich, wirklich tief.“ [..]

Buch, ich hoffe, diese Zeilen ergeben im Kontext, in dem sie hier stehen, irgendwie Sinn. In meinem Kopf existieren zwar zu jeder Szene etliche vorangehende und weiterführende Handlungsstränge, geschrieben sind diese Texte jedoch leider nur Geschichten ohne Anfang und Ende.

In diesem Sinne, vielleicht, eines Tages… „

2 Responses to “Geschichten ohne Anfang und Ende”

  1. Nicole wrote:

    Hallo Schreiberin
    Ich bin über Deinen Account auf schreibdichfrei.ch auf diesen Blog gestossen. Mit Begeisterung habe ich jeden Post hier verschlungen und mich an den herrlichen Gedanken und wunderbaren Satzkonstruktionen erfreut. In vielen Dingen die Du schreibst habe ich mich genau wiedergefunden. Glaub mir Du bist nicht die einzige die an Büchern riecht oder die hunderte angefangene Szenen geschrieben hat aber nie etwas zu Ende bringen kann. Das Gefühl kenne ich nur zu gut! Ich würde sehr gerne noch mehr von Dir lesen. Falls Du Lust hast Dich mit einer anderen Schreibbegeisterten jungen Schweizerin auszutauschen schreib mir doch mal auf [vom Autor zensiert]
    Herzlich
    Nicole

    Antworten

    Sonntag, April 24, 2016 at 08:39 | Permalink
  2. Nicole wrote:

    Ps: Vielleicht doch besser auf meine neue Mailadresse: [vom Autor zensiert]
    Habe gerade bemerkt dass die alte nicht mehr funktioniert ^^

    Antworten

    Sonntag, April 24, 2016 at 09:53 | Permalink

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