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Aus dem Leben eines Tagebuchs

Die Bilder in meinem Kopf

Liebes Buch

Wie Du vielleicht weisst, verfasse ich, neben meinen Einträgen an Dich, ab und zu auch mal eine Kurzgeschichte. Ich schreibe sie selten, weil ich fast nie mit ihnen zufrieden bin. Sie erscheinen nie so, wie ich es gerne hätte. Und wenn ich es denn aber doch mal hinbekomme, kriege ich mich vor lauter Stolz auf mich selber während zwei Tagen kaum mehr ein.

Was ich will, sind kleine Texte, inspiriert durch warm-goldene Sonnenstrahlen, die durch Gardinen fallen und helle Flecken an eine beige Tapete werfen, oder durch filigrane Glasphiolen, die zerbrechen, und Splitter, kleinen Diamanten gleich, die sich über marmorweisse Kacheln verteilen. Geschichten, die von Dieben handeln, die lautlos aus den Schatten treten, nur um dann geschmeidig wie schwarze Katzen wieder mit der Dunkelheit zu verschmelzen; von Schutzengeln, die durch Gewitterwolken fliegen und dabei fast abstürzen, weil sie sich die Flügel schmutzig machen; von gezogenen Schwertern, deren Schneiden in der Mittagssonne glühen, als hätte sie jemand in Flammen gesetzt, als bestünden die Klingen aus purem Feuer. Ich rede von Geschichten, die binnen Sekunden in meinem Kopf entstehen. Ich muss sie nicht erst erschaffen. Sie sind einfach da. Vollständig und komplett, in den kräftigsten Farben, bis ins kleinste Detail ausgemalt. Sie erfinden sich immer wieder neu und spinnen sich selber weiter – ohne mein Zutun.

Eine Freundin hat mir mal gesagt, wenn man schlechte Laune hat, soll man an ein Regenbogen kotzendes Einhorn denken. Etwa so stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man mir ein Loch in den Kopf bohrte. Ströme von leuchtenden, grellbunten Bildern, die sich daraus ergiessen, und kleine funkelnde Vögel und Schmetterlinge, die in den Himmel davon flattern.

Mein grosses Problem ist, dass ich meine Gedanken und Vorstellungen nicht so zu Papier bringe, wie ich sie sich in meinem Kopf darstellen. Texte, die vor Leben eigentlich nur so strotzen sollten; wenn man sie liest, hinterlassen sie aber einen faden, klebrigen Geschmack auf der Zunge. Liebes Buch, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie deprimierend das ist. Als ob man sich in Gedanken eine wunderbar köstliche Mahlzeit ausmalt, schlussendlich aber nur eine lauwarme Suppe erhält. Wenn es schlecht läuft, ist die Suppe versalzen; wenn es ganz schlecht läuft, schüttet einem der Kellner die Hälfte davon über die Hose (in diesem Fall ist sie dann aber natürlich brühheiss!).

Wenn ich all meine Ideen und Gedanken zu Papier brächte, hätte ich in kürzester Zeit mehr als nur einen dicken Wälzer voll. Es gibt schliesslich so viel Inspiration in dieser Welt! Wo immer ich mich auch grad aufhalte, irgendetwas bleibt immer hängen. Es gibt so viel, das in meinem Kopf herumschwirrt. Kleine Fragmente, die ich aufschnappe. Farben, Gerüche, Geschmäcker, Gefühle… einfach alles!

Ich muss ehrlich sagen, ich könnte Stunden damit zubringen, mich mit geschlossenen Augen irgendwo hinzusetzen und den Bildern in meinem Kopf zu folgen. Das mag sich jetzt etwas schizophren anhören, aber es stimmt wirklich. Man kann sich das vorstellen wie ein etwas in die Jahre gekommenes Open world-Computerspiel, bei dem die Map immer nur bis zu einem gewissen Punkt geladen wird und wenn man weiterläuft, schiessen in der Ferne plötzlich Bäume und Hügel aus dem Boden. Es handelt sich dabei um Welten, die sich mit jeder Empfindung und jedem Gefühl etwas mehr definieren.

Und dafür benötige ich nur die geringste Inspiration. Ehrlich, ich brauche nur ein bisschen kühlen Winterwind um die Nase, schon sehe ich einen tobenden Schneesturm, womöglich noch einen Yeti, der irgendwo darin herumtorkelt. Oder noch besser, wenn ich Klänge von heroischen Musikstücken aufschnappe (vielleicht Victory of Life von Future World Music oder Heart of Courage von Two Steps from Hell), entstehen augenblicklich Bilder von kämpfenden Heerscharen und grossen, eindrucksvollen Hörnern, die einen nahenden Krieg ankünden.

Wie soll man das nur beschreiben?! Hast Du schon mal Tinte auf Wasser getropft? Sobald das Blau die Oberfläche berührt, zerläuft die Farbe und ohne Anleitung entstehen die wunderlichsten Strukturen. Die Inspiration ist meine Tinte für die Gewässer in meinem Kopf. (Haha, ein Satz wie von Meister Kitsch persönlich – idealerweise in rosafarbenem Tütü!)

Nun, liebes Buch, wie du vielleicht weisst, ist es beim Schreiben von belletristischen Texten wichtig, Gefühle zu transportieren und Atmosphären zu erschaffen. Für mich persönlich gestaltet es sich teils unglaublich schwierig, meine Vorstellungen so präzise in Worte zu fassen, damit ein Leser genau jene Empfindung wahrnimmt, die ich ihm oder ihr mit meinem Text vermitteln will.

Meine Geschichten sind nie so farbig, wie ich sie mir ausmale. Und das, liebes Buch, ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich so selten an sie heran wage.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal, wenn Tinte auf Wasser trifft.

One Response to “Die Bilder in meinem Kopf”

  1. Julia wrote:

    Liebe Sara.
    Ich war von dieser Kurzgeschichte mal wieder ganz angetan, möchte dir für deinen weiteren Weg aber etwas mitgeben!
    Und zwar einen herzlichen Schlag gegen den Hinterkopf! Du bist wirklich … Doof (:*) wenn du tatsächlich denken solltest, dass deine Geschichten einen emotional nicht mitreißen sollten! Wenn nicht deine, dann weiß ich auch nicht welche!
    Also. Weiter machen und mehr posten!!
    In Liebe, Julia <3

    Antworten

    Sonntag, Januar 26, 2014 at 11:18 | Permalink

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